Sonntag, 30. September 2007

Wenn einer eine Reise tut… oder der Passierschein OM 2112

Reisen bildet ja bekanntlich, daher wollten Martin, Julia, Elisabeth (ebenfalls zwei Deutsche aus San Juan) und ich an die chilenische Küste nach Vina del Mar fahren. Damit man etwas flexibeler ist, wollten wir dazu einen Mietwagen hier vor Ort in San Juan anmieten. Also ist Martin mit unserem Mitbewohner José losgezogen um den Entsprechenden zu besorgen. Wir haben José mitgenommen, damit nicht die üblichen Touristenpreise abgerechnet werden. Am Ende hatten wir uns für Hertz entschieden, da der Laden auf beide den besten Eindruck machte und natürlich auf relativ günstig war. Wir sollten einen VW GOL (etwa wie ein alter Polo) für 600 Peso erhalten zzgl. 200 Peso für die Überfahrtserlaubnis nach Chile. Diese wird noch traurige Berühmtheit in dieser Geschichte erlangen. Allerdings mussten wir das noch mit den Mädels abklären, da es für jeden um 50 € ging. So vergingen etwa 2 Tage bis wir wieder bei Hertz im Büro saßen. Nun sagte man uns, dass der GOL weg war und wir nun einen Zafira mieten könnten. Der Wagen kostete allerdings mehr als das doppelte, so dass wir gezwungen waren auf einen lokalen Anbieter zurückzugreifen. Dieser war damals etwa so teuer wie Hertz, jedoch waren die Autos für Martins Geschmack nicht in dem besten Zustand. Dennoch machten wir einen Vertrag aus über einen Suzuki Swift (700 Peso). Dann ging es daran die Überfahrtsgenehmigung zu beschaffen. Dazu musste der Vermieter ein Schreiben durch die hiesige Bezirksregierung aufsetzen lassen aus dem hervorging, dass Martin auch wirklich von ihm die Erlaubnis hat. Das Schreiben war eine Din A4 Seite lang. Danach musste es noch vom Notar beglaubigt werden. Insgesamt mussten wir dazu dreimal in die Stadt. Kostenpunkt für das Dokument: 95 Peso. „Puh, endlich geschafft!“

Am Freitag vor der Abfahrt gab es dann noch mal ziemliche Aufregung, weil Julia ihre Ausreisekarte verloren hatte. In den meisten Ländern hier ist dann eine Ausreise erst mal nicht möglich und auf der Karte ist auch extra vermerkt, dass man sie bis zur Ausreise behalten muss. Mein Chef Carlos – er wird der Held dieser Geschichte - hat daraufhin mehrfach in Buenos Aires angerufen. Dort hieß es aus dem zuständigen Ministerium: „Kein Problem, wenn Sie einen Einreisestempel im Pass hat.“ Den hatte sie.

Am Samstag ging es dann mit unserem Swift um 07:30 Uhr los in Richtung Mendoza (ca. 200 Km) und dann noch mal ca. 250 km in die Anden zur chilenischen Grenze. Auf der Fahrt gab es schon so einige Überraschungen. Überall gibt es Kontrollpunkte der Polizei, wo Fahrzeuge kontrolliert werden können. Diese sind zwar in der Regel nicht besetzt; wir hatten jedoch das „Glück“ angehalten zu werden. Es fehlte der Fahrzeugschein. Wir waren schon etwa 100 km gefahren. Zurückzufahren wäre eine Katastrophe gewesen. Nachdem ich dann das Handschuhfach durchsucht hatte, haben wir ihn dann schließlich doch noch gefunden, so dass wir dann zur nächsten Sperre gefahren sind (vom Landwirtschaftsministerium). Argentinien hat im Norden große Probleme mit Agrarkrankheiten, so dass alle Fahrzeuge aus dem Norden kommend auf Obst und Gemüse durchsucht werden, sowie durch eine Desinfektionsdusche müssen.

Hinter Mendoza war Fahrerwechsel angesagt, so dass ich fahren durfte. Endlich durfte ich selber die brachiale Leistung von 1,0 Liter Hubraum und die Bremskraft von abgenutzten Bremsbelägen spüren. Das Auto war wirklich nicht im besten Zustand. Die Strecke hoch auf 3700 m war ein Traum. Die Anden sind einmalig schön und wir konnten sogar noch Schnee anfassen An den Bergen merkte man, wie schwach der Motor wirklich war. Das Überholen von LKWs dauerte endlos lange und bei Steigungen musste man häufiger die Klimaanlage abschalten, da sie dem Motor zuviel Leistung entzog. Daraufhin wurde das Auto immer schlagartig warm, weil der Motor durch die Last heiß wurde und somit trotz abgeschalteter Heizung die Frischluft massiv erwärmte. Auch haben wir das Temperament einer argentinischen Autofahrers zu spüren kommen. Der fuhr vor uns – auch gar nicht übertrieben langsam – aber er bremste völlig unberechenbar. Ich entschloss mich, ihn an einem bergab Stück zu überholen. Das fand er gar nicht so lustig und versuchte mich abzudrängen, so dass ich den Überholvorgang abbrechen musste. An der nächsten Geraden konnte er dann nichts mehr machen, so dass wir diesen Spinner getrost hinter uns lassen konnten.

Kurz vor der Grenze fährt man dann durch einen mautpflichtigen Tunnel. Mitten im Tunnel taucht ein Schild auf „Bienvenidos a Chile“ (Willkommen in Chile). Außerhalb des Tunnels wurde dieses noch mehrfach wiederholt und keine Grenzkontrolle in Sicht. So langsam beschlich uns das Gefühl, dass es auch hier offene Grenzen gab. Sollte etwa die aufwendige Genehmigung umsonst gewesen sein??? Wir irrten gewaltig. Nach 5 km kam dann ein Gemeinschaftsgrenzpunkt von Argentinien und Chile. Das Gebäude erinnerte mehr an eine Markthalle, als an eine Grenze. Irgendwann durften auch wir rein fahren und konnten danach in einen Raum zur Passkontrolle gehen. Dort gab es mehrere Schlangen an unterschiedlichen Schaltern von Argentinien und Chile. Es dauerte eine Zeit bis wir das System verstanden hatten. Wir mussten zuerst das Auto beim argentinischen Zoll anmelden. Stolz zeigten wir das Dokument vom Notar und dann sagte der Grenzer einen Satz, den ich so schnell nicht vergessen werde: „Falta el documento OM 2112 (Salida y Admision Temporal de vehiculos arrendados con sello Aduana)!“ (Es fehlt das Dokument OM 2112) Dieses Dokument sollte belegen, dass der Mietwagenheini seine Dienstleistung der Vermietung korrekt beim Zoll angemeldet hatte. Man erlaubte uns, dass wir das Dokument ausnahmsweise per Fax an die Grenzstation schicken könnten. Normalerweise muss es im Original vorliegen. Also mussten wir den Mietwagenheini anrufen. Tja, wie man macht das? Wir waren nämlich in Chile, so dass unsere argentinischen Prepaidkarten nicht funktionierten. Aber es gab Münzfernsprecher! Die akzeptierten jedoch nur chilenische Pesos. Also bin ich schnell Geld wechseln gegangen. Natürlich zu einem miserablen Kurs. Wieder zurück, mussten wir feststellen, dass der Apparat nur 10 Peso Stücke akzeptiert, aber 100 Peso Minimumguthaben sind. Die Inflation lässt grüßen. 10 Peso Stücke waren nicht aufzutreiben, also Telefonkarte kaufen. Das Geschäft war zu. Dann haben wir einen chilenischen Polizisten gefragt, wann der Laden aufmacht: „Die Besitzerin ist schon seit einer halben Stunde auf Klo“. Na super. Irgendwann hatte auch sie Ihre Sitzung beendet, so dass wir endlich die Karte kaufen konnten. Der Vermieter fiel aus allen Wolken und meinte, dass die Urkunde vom Notar reichen müsste. Er wolle mit dem Grenzer sprechen. Der lehnte dies jedoch ab, da er nicht seinen Schalter verlassen durfte. Alles hin und her nützte nichts. Der Vermieter konnte das Dokument nicht beschaffen, weil es einen Zollstempel brauchte. Also wieder 450 km zurück. Vorsorglich haben wir dann Carlos angerufen, weil wir natürlich das Geld von dem Mietwagenheini zurück haben wollten und Carlos als Muttersprachler sicherlich besser verhandeln kann, als wir. Carlos ist zwar immer sehr ruhig, aber äußerst bestimmt in seinem Auftreten.

Ich kann nur sagen: Zum Glück war er da!!! Der Mietwagenfritze meinte, es wäre ja nicht sein Problem und es hätte noch nie an der Grenze Probleme gegeben. Er wüsste nicht, was wir falsch gemacht hätten. Nachdem Carlos dann an seine Ehre appelliert hatte („Wenn ich einen Fehler mache, gebe ich ihn zu“) und mit der Polizei gedroht hat, bekamen wir den vollständigen Mietpreis (700 Pesos) zurück und der Vermieter hatte nicht bemerkt, dass der Wagen nicht aufgetankt war. Dann hat Carlos uns alle spontan zum Lomo-Essen zu sich nach Hause eingeladen. Es war super lecker, zumal wir alle ausgehungert waren. Auch seine Frau und seine Kinder waren sehr, sehr nett. Es war wirklich ein sehr schöner Abend und Carlos bin ich dafür in alle Ewigkeit dankbar.

Ich denke diese Erfahrungen beinhalten drei Lehren:

1.) Besser eine große Mietwagenfirma nehmen. Bei Hertz wäre das nicht passiert (daher haben die auch 200 Pesos für die Überfahrt verlangt, weil man zwei Dokumente benötigt).

2.) Ohne ausreichende Kenntnisse der spanischen Sprache sind diese Länder nicht zu bereisen. Selbst an der Grenze wird nur Spanisch gesprochen (das allerdings sehr klar und gut verständlich).

3.) Argentinier sind (meistens) äußerst hilfsbereite und gastfreundliche Menschen.

Viele Grüße

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